Lehrerpensionshaus   

 


„Jes Marie, die Jonge schieße!“

„Bratkes Jungs“, wie wir Enkelkinder im Dorf allgemein genannt wurden, liebten nicht nur ihre Großeltern, sondern auch die vielen Möglichkeiten, hier in den Ferien Erlebnisse besonderer Art auszuhecken. Die beiden Hindenburger Uhlings, die wir „aus dem Polschen kamen“ (wie uns Onkel Schwer Oskar immer gern neckte), und unser Vetter Heinz Noske aus Leobschütz waren eigentlich für alle Späße gut. Und langweilig sollte es nie werden. 

Unser Opa, der „Schullehrer“ i.R., besaß mehrere Waffen. An diese kamen wir natürlich nicht heran, sondern durften uns allenfalls mit der Luftbüchse vergnügen. Als Opa nun 1938 gestorben war, sahen wir unter der nicht so gestrengen Aufsicht unserer Großmutter die Chancen wachsen, mal ein „richtiges“ Schießeisen in die Hand zu bekommen. Wir fanden den alten Karabiner, einen Vorgänger des uns später sehr vertraut gewordenen Karabiners 98 K. Aber wo gab es die passende Munition? 

Oma ging, wie auch sonst jeden Tag, um 14 Uhr zu Schweres, wo zunächst einmal Kaffee getrunken wurde und sie dann im Kuhstall beim Melken aushalf. Das war die Zeit für uns, ungestört eine gründliche „Haussuchung“ zu veranstalten. Und tatsächlich fanden wir ein paar Patronen. (Für Opas 08-Pistole ist uns das übrigens trotz beachtlicher Beharrlichkeit nie gelungen.) Was leistet nun ein solcher Karabiner? 

Wir zogen uns in die Giebelstube (unter dem Taubenschlag) zurück, um von dort aus einen passenden Ast im Obstgarten anzupeilen, an dem sich die Durchschlagskraft unseres Karabiner erweisen sollte. Als Ältester der drei Jungs, der sich im Umgang mit dem Luftgewehr schon ein wenig hervorgetan hatte und die Kleineren auch mehr oder weniger sanft zurückdrängte, durfte ich schießen. Spannung! Ein ohrenbetäubender Knall hallte über das in der Mittagsruhe liegende Dorf, laut genug, um unsere Oma in den Schreckensruf ausbrechen zu lassen: „Jes Marie, die Jonge schieße!“

Oma ließ ihren Kaffee stehen, schürzte ihren langen Rock und rannte heimwärts – wahrscheinlich der Abkürzung wegen bei Fitzners oder Krauses durch -, um Schlimmeres zu verhüten. Aber sie fand weder uns noch an dem Karabiner, denn wir hatten uns längst auf dem Heuboden versteckt. Ob es dann am Abend ein peinliches Verhör gab, weiß ich nicht mehr. Meine Eltern haben jedenfalls von dieser Heldentat nichts erfahren. 

Übrigens: ich war mächtigst stolz, den ausgesuchten Ast getroffen zu haben, wenn er auch nicht abgefallen war. 

Hubert Uhling, inzwischen mit 78 Jahren etwas reifer geworden, August 2003

 

 

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